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Montag, 25. Juni 2007

Gedanken zu Bologna: Internationalisierung der Hochschule und NachwuchswissenschaftlerInnen

Als Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung hatte ich im November des vergangenen Jahres die Gelegenhait, an einer Podiumsdiskussion über die Internationalisierung der Hochschulen und die Förderung von NachwuchswissenschaftlerInnen in der Fachtagung des Studienwerkes dieser Stiftung in Berlin teilzunehmen. Vor dieser Pdoiumsdiskussion habe ich einige meiner Gedankengänge auf dem Papier festgestellt. Hier sind sie.

Hiermit möchte ich meine Überlegungen zur Frage schildern, mit der sich die Podiumsdiskussion beschäftigen wird: „Was brauchen unsere NachwuchswissenschaftlerInnen, um international agieren zu können und was bieten dafür die Hochschulreformen in Deutschland?“. Allgemeiner nehme ich auch Bezug auf die Themenstellung der Fachtagung: Internationalisierung der Hochschule und Umsetzung des Bologna-Prozesses. Mit dieser Skizze meiner Positionen und Thesen hoffe ich, die Arbeit der Moderation erleichtern zu können.

A) Einige Vorüberlegungen zur Mobilität: Was macht „international agieren“ sinnvoll?

(1) Nun muss man, wenn man die Frage nach der internationalen Aktion der Studierenden und NachwuchswissenschftlerInnen stellt, sich auch fragen, warum bzw. in welcher Weise eine solche Internationalität sinnvoll ist. Ansonsten läuft man Gefahr, im Rahmen der Auslandsaufenthaltsmode und der Internationalisierungswelle unkritisch zu bleiben und lediglich die Redeweise der Stellenausschreibungen in der Wirtschaft („wir erwarten internationale Erfahrung“, „Mehrsprachigkeit ist Vorbedingung für eine Bewerbung“, „Vorausgesetzt wird die Arbeitsfähigkeit in einem interkulturellen Team“, usw…) zu wiederholen. Ich nehme also an, dass die Einführung eines internationalen Horizontes im Werdegang der Studierenden und der NachwuchswissenschaftlerInnen das Mittel ist. Was ist der Zweck?

Einen guten Weg, um diese Frage klären zu können, stellt die Unterscheidung zwischen zwei unterschiedlichen Typen von Mobilität dar, die zwei unterschiedliche Formen der Internationalität für die Studierenden und NachwuchswissenschaftlerInnen darstellen.

(2.1) Erstens gibt es die Möglichkeit, im Rahmen einiger Austauschprogramme (Erasmus im Rahmen der Sokratesprogramme, Austauschabkommen zwischen Universitäten, einjährige DAAD-Stipendien, usw.…) kurze Studien- bzw. Forschungaufenthalte von einem halben bis einem ganzen Jahr im Ausland zu unternehmen. Auf der Ebene der Studienprogramme für Postgraduierte können diese Programme sehr nützlich sein, um Kontakte zu knüpfen, Institute im Ausland kennen zu lernen, usw. Auf der Ebene der nichtgraduierten, regulären Studiengänge führt dies allerdings in der Regel eher zu einer Art von „Studientourismus“, dessen Ergebnis die Herausbildung einer in sich geschlossenen, gegenüber der einheimischen universitären Lebenswelt eher uninteressierten Gruppe ausländischer Studierenden in den jeweiligen Universitäten führt. Dies erachte ich für eher wenig sinnvoll, und in diesem Fall ist die Internationalisierung lediglich mit zusätzlichem Aufwand, nicht aber mit einer hohen Fruchtbarkeit verbunden.

(2.2) Eine zweite Form der Mobilität, die vor allem im Rahmen der regulären Studiengänge meines Erachtens nach viel sinnvoller ist, sind die Auslandsaufenthalte mit dem Ziel, in der ausländischen Hochschule einen Abschluss zu erlangen. In diesem zweiten Fall reisen die Studierende nicht, um im Laufe eines halben oder eines ganzen Jahres einige Studienleistungen zu sammeln, die dann in der Heimathochschule – übrigens oft mit viel Mühe – angerechnet werden können, sondern um als reguläre Studierende einen Abschluss zu erstreben. Die Erfahrung zeigt, dass dies dazu führt, dass die Grenzen zwischen „einheimischen“ und „ausländischen“ Studierenden verwischt werden. Die ausländischen KommilitonInnen sind nicht Exoten, sondern normale KommilitonInnen mit sehr ähnlichen Problemen. Erst dadurch wird ein ernsthaftes Eintauchen in die besuchte Universität und in deren Lerninhalte ermöglicht und darüber hinaus eine gute Integration im Rahmen der Lebenswelt der Hochschule ermöglicht.

B) Was bieten die Hochschulreformen in Deutschland und Europa, um diese Mobilität zu ermöglichen? Oder: Die Stärken des Bologna-Prozesses

(3) Nun kann man sich mit dieser Differenzierung als Hintergrund fragen, wie sich die Universitäten aufrüsten, um eine solche Mobilität zweiter Art – und dadurch eine sinnvolle Internationalisierung – zu ermöglichen. In diesem Kontext auf Deutschland beschränkt zu bleiben, erscheint mir übrigens wenig sinnvoll, da die Prozesse, die zu einer Internationalisierung der Hochschulen führen sollen, auf europäischer Ebene stattfinden. Betrachtet man diese europäischen Prozesse, kann man „zwei Generationen“ von Initiativen beobachten, die zu einer Europäisierung (nicht verwechselbar mit einer Internationalisierung!) führen sollen: Die erste bestand aus den Sokratesprogrammen und basierte auf dem ersten Mobilitätskonzept: „Studientourismus“ sollte Europa zusammenschweißen und dadurch die Entstehung einer erhofften europäischen Bürgerschaft für die Union ermöglichen.

(4) Die zweite Generation wurde in Bologna geschaffen (mit einigen Vorläufern), streckt sich über die EU, über fast den ganzen Kontinent hinaus und hat sich das Ziel eines einheitlichen europäischen Hochschulraumes für das Jahr 2010 gesetzt. Wird sie im Hinblick auf die Frage geprüft, ob sie dieses Ziel eines einheitlichen Hochschulraumes einhält, wird die Frage sehr kritisch ausfallen müssen. Fragt man aber nach den neuen Formen der Mobilität, die dieser Prozess ermöglicht, ist die Antwort viel erfreulicher, vor allem im Vergleich zur ersten Generation von europäischen Mobilitätsprogrammen: Mit der Einführung gestufter Studiengänge als zentrale Maßnahme neben anderen (ECTS, Diploma Supplements, usw.) wird sicherlich kein gemeinsamer, übersichtlicher Hochschulraum entstehen (im Gegenteil scheint das Angebot von Studiengängen nach der Stufung unübersichtlicher geworden zu sein), die Möglichkeiten der Mobilität zweiter Art werden aber gesteigert. Die gestuften Studiengänge sind nicht nur im Hinblick auf ein veränderte Nachfrage nach Bildung in einer Wissensgesellschaft, wo Weiterbildung immer wichtiger wird, wo ein fünfjähriges Studium ohne Zwischenabschlüsse als zu lang erscheinen und wo der Bildungsweg flexibler werden muss, ein Fortschritt, sondern auch im Hinblick auf einer Mobilität, deren Ziele eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der fremden Wissenschaft und eine tiefreichende Integration in die Lebenswelt der ausländischen Hochschule sind. Dies ist so, weil die Verkürzung von Studiengängen durch deren Stufung die Barrieren vor der Entscheidung, das eigene Land zu verlassen und sich auf Fremdes einzulassen, niedriger erscheinen lassen.

C) Die dunkle Seiten der Internationalisierung: Die Gefahr der Vereinheitlichung und die Voraussetzungen des Bologna-Erfoges

(5) Die Tatsache, dass der Bologna-Prozess die Realisierungschancen der Mobilität zweiter Art steigert, sollte aber nicht zu einer pauschalen Gutheißung dieses Prozesses führen. Wir können nicht vergessen, dass wir diesen Prozess hier lediglich mit dem Kriterium bewerten, welche Mobilitätschancen und dadurch auch welche Internationalisierungsform er mit sich trägt. Andere Fragen (wie z.B. die Zulassungsbeschränkung bei den Masterstudiengängen oder die Modularisierung des Studienangebots) bleiben hier außen vor. Aber auch im Hinblick auf unsere Fragestellung ist die Einführung gestufter Studiengänge notwendige, keineswegs aber hinreichende Bedingung für eine erfolgreiche und sinnvolle Internationalisierung. Eine der Gefahren der Einführung der neuen Studiengänge ist, dass Internationalisierung Vereinheitlichung bedeuten könnte. So kann z.B. das Halten von Lehrveranstaltungen auf Englisch im Rahmen von Masterstudiengängen, die sich explizit an eine international zusammengesetzte Studierendenschaft werden, als ein Entgegenkommen gegenüber Incoming-Studierenden verstanden werden – dadurch wird aber oft die ernsthafte Integration dieser Studierenden in die einheimischen Hochschule sowie eine Auseinandersetzung mit der einheimischen Forschung nahezu unmöglich gemacht. Hier muss man nicht nur erstens klarstellen, welche Mobilität sinnvoll ist, sondern auch verdeutlichen, welche Leitbilder der Wissenschaft hinter der Internationalisierung stehen und zweitens, wem diese Internationalisierung dienen soll.

(7.1) Nun zur ersten Frage, welche Bilder die Wissenschaft die Internationalisierung leiten: Einerseits kann man von einem Bild der Wissenschaft als universelles, einheitliches Wissenskorpus, die überall gleich vermittelt werden kann, ausgehen: Theorien in der Wissenschaft erstreben selbstverständlicherweise nach Generalisierbarkeit und Unabhängigkeit des kulturellen Kontextes, wo sie entstanden sind. Folgt man diesem – übrigens sehr altmodischen und stark nuancierungsbedürftigen – Wissenschaftsbegriff, erscheint eine Internationalisierung des Studiums nur in folgender Hinsicht bedeutungsvoll: In einer solchen einheitlichen Wissenschaftslandschaft gibt es keinen Platz für eine horizontale Forschungsdifferenzierung, wo sich einzelne Institute auf bestimmte Themenfelder spezialisieren und sich bestimmte Universitäten durch eigenartige, fruchtbare Forschungsperspektiven auszeichnen, sondern nur für eine vertikale Hierarchisierung zwischen Elite und „Nachrenner“. Die Ströme der Internationalisierung bilden kein vielfältiges Netzwerk, sondern verlaufen einseitig in Richtung der vereinzelten „Leuchttürme“ im einheitlichen Ozean des Wissens: Internationalisierung findet nur in den (exzellenten) Wissenschaftszentren, nicht in der wissenschaftlichen Peripherie, statt. Der Kreis der internationalen Elite beschränkt sich auf wenige Studierende und NachwuchswissenschaftlerInnen (man kann übrigens mit Besorgnis beobachten, wie in der deutschen Hochschullandschaft ein solches (veraltetes) Bild durch die Exzellenzinitiative von Bund und Ländern, vor allem im Rahmen der Konkurrenz um eine Aufnahme in die dritte Förderlinie, eine hegemoniale Position einnimmt).

(7.2) Dieses Bild entspricht aber nicht den neuesten Entwicklungen eines Wissenschaftsbegriffes, der sich vielmehr durch die Betonung der Perspektivvielfalt in der Wissenschaft auszeichnet (und der vielmehr dazu in der Lage ist, den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in der Wissenschaftstheorie, die über die Ansichten des Kritischen Rationalismus hinausgingen, gegenüber gerecht zu sein). Eine horizontale Differenzierung ist dementsprechend bereichernd: Der Dialog der vielfältigen Absätze und Fragestellungen, die Vernetzung der Spezialisierungen muss begrüßt und gefördert werden, nicht die Entstehung einer einseitigen, in ihrer Perspektive eingeschränkten Elite. Die Internationalisierung des Studiums bedeutet hier dementsprechend nicht ein einseitiger Strom, der nur für wenige zulässig ist, sondern wird zum Prinzip eines Studiums, wo die Studierenden und NachwuchswissenschaftlerInnen dazu aufgefordert werden, ihre Forschungsinteressen zu entdecken und zu entwickeln und die Standorte zu erkunden, wo diese gepflegt werden. Ein internationaler Campus ist hier also nicht ein Multikulti-Park mit unterschiedlichen kulturellen Communities, wo überall die gleichen Inhalte rezipiert werden, sondern ein Ort der ernsthaften und tiefen Auseinandersetzung mit fremden Blicken: Eine international offene Hochschule vergrößert die Chancen zur Vernetzung, was wiederum den Dialog produktiver werden lässt. Diese Vernetzung sollte das Ziel jeder Initiative zur Internationalisierung des Studiums sein.

(8) Nun zur zweiten Frage, wem die Internationalisierung dienen soll. War das Ziel der Sokratesprogramme die Schaffung eins europäischen Bewusstseins bei den Austauschbeteiligten, hat der Bologna-Prozess eindeutig im Rahmen der Lissabon Strategie der EU für das Jahr 2010 seinen Auftrieb erhalten, die das Ziel hat, Europa zur dynamischesten und wettbewerbsfähigsten Region der Welt werden zu lassen. Dazu sollen die Flexibilität und Mobilität in der höheren Bildung gesteigert werden. Die Bildungsreform soll also nicht (nur) aus bildungsinternen Gründen, sondern (auch) im Hinblick auf deren zu erwartenden positiven Rückwirkungen für den wirtschaftlichen Sektor durchgeführt werden. Diese positive Rückwirkung auf die Wirtschaft ist zu begrüßen und bereichert den Internationalisierungsprozess, darf aber nicht Engführungen zur Konsequenz haben. Mit einer wirtschaftlich verwertbaren Bildung in den Hochschulen geht oft das erste der beiden oben geschilderten Wissenschaftsbilder (7.1) einher: Eine einheitliche Wissenschaft sei in der Lage, deutlich verwertbare Erkenntnisse zu produzieren; eine reichhaltige Perspektivvielfalt ist vielleicht kritischer, aber weniger dazu in der Lage, dies zu tun. Dementsprechend erhofft man sich vom Bologna-Prozess eine Internationalisierung, die es ermöglicht, die „exzellenten“ Orte dieser wissenschaftlichen Landschaft zu erkennen und daraus die Absolventen zu gewinnen. Der Rest, der von dieser Internationalisierung ausgeschlossen wird, wird zu einem „akademischen Proletariat“ und kämpft um die restlichen Arbeitsplätze. Überprüft man diese Überlegungen, wird man aber erkennen können, dass der Mechanismus viel komplexer ist: Eine horizontal differenzierte Wissenschaft ist nicht nur aus dem Grund, dass sie stärker dazu in der Lage ist, einen fruchtbaren Forschungsdialog zu entwickeln, überlegener, sondern auch aus der wirtschaftlichen Perspektive: Kurzfristig kann eine vereinheitlichte Wissenschaft deutliche Gewinne produzieren, mittel- und langfristig ist aber die zweite Struktur besser dazu in der Lage, nicht nur kritische und mündige Bürger zu bilden, sondern auch produktive Perspektivverschiebungen zu bewirken, die dann zu neuen Technologien und Erkenntnisse führen können.

(9) Die Vorstellung einer nicht vertikal sondern horizontal ausdifferenzierten und international vernetzten Hochschul- und Forschungslandschaft stellt das Ziel einer einheitlichen europäischen Hochschule massiv infrage. Zwar ist dieses Ziel im Bolognaprozess ausdrücklich nicht enthalten und sogar unerwünscht, aber andere Entwicklungen scheinen auf eine solche Vereinheitlichung hinzuweisen. So nimmt z.B. der Wunsch nach Angleichung an das amerikanische bzw. angelsächsische Hochschulmodell in vielen Diskussionen eine hegemonische Position ein und lässt ernsthaftere und durchdachtere Zukunftsmodelle zugunsten einer nicht realisierbaren – und größenteils auch nicht wünschbaren – Vorstellung in den Hintergrund treten. Statt eine solche Homogenisierung zu befürworten, lässt sich aus dem vorgeschlagenen wünschbaren Wissenschaftsbild eine Schätzung der europäischen Vielfalt ableiten. Gerade um diese Vielfalt zu nutzen sollte man die Internationalisierung vorantreiben; sie als eine Barriere einer solchen Internationalisierung zu betrachten, ist völlig verfehlt.

Daraus lassen sich auch Schlüsse für das deutsche Universitätssystem ziehen. Dieses System, dessen Prinzipien auf eine Zeit zurückgehen, wo der Hochschulbesuch einer kleinen bildungsbürgerlichen Minderheit vorenthalten war, ist zwar oft gepriesen worden, ist aber nach dem Bildungsboom der 1960er und 1970er Jahren nicht ohne die immer noch ausstehenden Reformen haltbar. Daraus zieht man oft den vorschnellen Schluss, man solle sich an anderen (angelsächsischen) Modellen bei der Reform orientieren. Stattdessen sollte man aber eher eine interne Reform durchführen, die die Prinzipien der deutschen Hochschule (Einheit von Lehre und Forschung, interaktives Seminar als Kernveranstaltung) für die heutigen Bedingungen fruchtbar macht. Diese Prinzipien sind nicht veraltet, sondern unter den heutigen Bedingungen schlecht durchführbar. Deren Realisierung würde aber die deutschen Hochschulen zu einem noch attraktiveren Ort im internationalen Vergleich machen. Zu der ausgebliebenen Reform hätte die Umsetzung der neuen Studiengänge eine Chance dargestellt, die teilweise verpasst worden ist. Über diese Einführung neuer Studiengänge hinaus sollte man sich aber auch über die bestehenden Kapazitäten der Hochschulen und deren Ausbaubedürfnis Gedanken machen. Statt sich die Frage der Kapazitäten (und vor allem nach deren unbequemen Kosten) zu stellen, weicht man in der Hochschulpolitik aus und verspricht man sich eine Lösung aller Probleme, sobald der angelsächsische Standard erreicht worden ist.

(10) Somit sind einige der Richtungen skizziert, denen eine sinnvolle und produktive Internationalisierung folgen sollte. Damit soll es möglich werden, die Internationalisierung des Studiums als eine Form der persönlichen Weiterentwicklung und wissenschaftlichen Bereicherung voranzutreiben. Allerdings bleiben immer noch einige konkrete Probleme praktischer Natur offen, die sich stellen, wenn man die internationale Mobilität von Studierenden und NachwuchswissenschaftlerInnen fördern möchte:

- Aus den obigen Ausführungen zu den Formen der Mobilität (2.1 und 2.2) kann man ableiten, dass die bisherigen Ressourcen, die die Mobilität der Studierenden und NachwuchswissenschaftlerInnen ermöglichen (Stipendien und Unterstützungsprogramme wie Erasmus) umorientiert werden müssten: Nicht so sehr zeitlich begrenzte Auslandsaufenthalte, sondern vielmehr das Streben nach einem Abschluss im Ausland (Bachelor oder Master) sollte unterstützt werden.

- Die Zugangsregelungen müssen mit dem europäischen Horizont als Hintergrund gestaltet werden. Derzeit geben die nationalen Rahmenbedingungen vor, wie die Zulassungsvoraussetzungen festgelegt werden. Darüber hinaus wird eine „Ausländerquote“ eingeräumt. Stattdessen sollte man vielmehr europäische Mechanismen entwickeln, um die Leistungen landesübergreifend vergleichbar zu machen und die Orientierung der Zulassungsvoraussetzung an diesen Maßstäben zu ermöglichen (was zum Beispiel zum Teil im Bereich des europäischen Referenzrahmens bei den geforderten Sprachkenntnissen schon geschieht).

- Die Möglichkeit, ein Auslandsstudium zu absolvieren, besteht derzeit nur für einen Kreis der Studierenden, nicht aber für alle. Damit möglichst viele Studierende an dieser Internationalisierung teilnehmen können sollte man möglichst früh ansetzen, dies heißt: In der Schule. Die Sprachkenntnisse sollten gefördert werden und die Informationsstellen zum Studium in anderen europäischen Ländern sollten für SchülerInnen einfach zugänglich sein; so wie die Bewerbungsmodalitäten aus dem Ausland einfach gestaltet. Ziel dieses frühen Ansetzens in der Schule sollte sein, dass sich die Frage nach einem Auslandstudium nicht erst mit Beginn des Masters, sondern schon bei der Auswahl des Bachelorstudienganges gestellt werden kann.

- Des Weiteren sollte die Entwicklung von länderübergreifenden Studiengängen gefördert werden. Somit wird die Attraktivität eines internationalisierten Studienganges gesteigert. Beispiele dafür sind Bachelorstudiengänge, die im Rahmen der Einführung der gestuften Studiengänge entwickelt wurden und die vorsehen, dass die ersten Semester an einer Hochschule und die letzten an einer Partneruniversität absolviert werden.

- Um die Mobilität zu steigern, wären auch ein gesamteuropäisches Programm zur Unterstützung von finanzschwachen Studierenden (ein europäisches BAFöG) und auch ein gesamteuropäisches Stipendiensystem sehr hilfreich. Oft wird die Mobilität dadurch verhindert, dass die ökonomischen und sozialen Studienbedingungen in unterschiedlichen Ländern sehr stark voneinander differieren – dieses Problem sollte gemindert werden. Gerade in diesem Punkt könnte das deutsche Modell ein diskussionswürdiges Beispiel darstellen.

D) Ist Bologna alles? Ein Blick darüber hinaus

(11) Man hat in diesen Thesen einige der Wege skizziert, die man gehen sollte, um eine sinnvolle Internationalisierung voranzutreiben. Dabei wurde oft auf den wichtigsten Prozess der Grenzüberschreitung, die derzeit die deutschen Universitäten durchleben, nämlich den Bologna-Prozess, zurückgegriffen und gefragt, inwieweit er eine sinnvolle Entwicklung darstellt. Allerdings darf man Internationalisierung mit Europäisierung nicht vertauschen. Sicherlich würden wir falsch liegen, wenn der letzte Horizont unserer Überlegungen der Bologna-Prozess wäre. Wir laufen in der Diskussion Gefahr, Europa mit der Welt zu verwechseln und dadurch in eurozentrische Begrenzungen zu verfallen. Somit würde eine innereuropäisch hochgradig vernetzte Hochschullandschaft entstehen, die aber nach außen wenig dialogfähig wäre – die oft angesprochene Festung Europas wäre auch eine Festung der Bildung. Im Gegensatz dazu muss man auch Mobilität über die Grenzen des Kontinentes hinweg ermöglichen. Zunächst sollte der Austausch mit der Nachbarschaft ein reger sein (hier bilden die euromediterranen Kooperationsprogramme auf Studien- und Forschungsebene ein sehr gutes Beispiel). Und darüber hinaus sollte man auch die bestehenden Instrumente, um Studierenden aus armen Ländern ein Studium im Kontinent zu ermöglichen, verbessern und neue entwickeln (die Kosten eines Studienplatzes, der von einer/m Studierenden aus der Dritten Welt belegt werden, kann man nicht ohne Recht als Offizielle Entwicklungshilfe bei dem Development Aid Committee der OECD anrechnen lassen: Bildung ist ein zentraler Entwicklungsfaktor).

Es besteht kein Grund, warum die Grenzen einer oben skizzierten, horizontal differenzierten Wissenschaft, die international vernetzt ist, mit den Grenzen des Kontinentes zusammenfallen müssen. Vielmehr spricht vieles dafür, dass dies nicht so sein soll.

Unsere Macht vergrössern - persönlicher Rückblick auf ein Jahr nach der Rektoratsbesetzung

Dieser Artikel ist im u-asta-info vom 30.11.06 erschienen (Nr.761)

In der letzten VV hat man darüber diskutiert, wie sich die Studierendenschaft der Universität an den Jubiläumsfeierlichkeiten des nächsten Jahres beteiligen soll. Dazu wurden zwei Resolutionen entworfen, die um das Votum der VV-Teilnehmenden konkurrierten. Eine Resolution plädierte für den völligen Rückzug aus den Feierlichkeiten mit dem Argument, dass wir als Studierende aufgrund des Verbots der verfassten Studierendenschaft, der Einführung von Studiengebühren und der beschränkten Mitspracherechte an dieser Universität nichts zu feiern haben. Die Kritik dieser Missstände wurde auch von der zweiten Resolution geteilt, die aber sich für eine kritische Mitgestaltung des Jubiläums seitens der Studierendenschaft einsetzte. Diese zweite Resolution erhielt die Mehrheit der Stimmen und wurde damit verabschiedet. Nun könnte man meinen, dass damit die Diskussion zu einem Endpunkt gekommen sei. Allerdings glaube ich, dass im Rahmen der Diskussion um diese Resolutionen eine tiefere Grundsatzdiskussion berührt wurde: Nämlich die Frage, wie wir uns als Studierende in dieser Universität am besten engagieren sollen. Sollen wir uns in die Protest zurückziehen und eine Mitarbeit an einer mangelhaften Struktur verweigern oder sollen wir versuchen, aus diesem mangelhaften Rahmen das Beste zu machen?

Diese ist eine Frage, die im letzten Jahr auf einer unbemerkten Weise eine starke Relevanz im Rahmen der Arbeit der Studierendenvertretung erhalten hat. Dies wird deutlich, wenn man bemerkt, dass beide Resolutionen – vor allem aber die erste – sich auf den Diskurs des Freiburger Frühlings beriefen, um ihren Standpunkt zu legitimieren. In der Zeit der Rektoratsbesetzung schienen sich alle einig zu sein: Die Studierendenschaft zeigte gerade ihre Kraft gegenüber anderen hochschulpolitischen Instanzen; unsere Macht schien groß zu sein. Aber nach dem Regen müssen die Pflanzen wachsen, und so stellte sich die Frage, wie wir nach dem Frühling unsere Früchte ernten sollten, wie wir die gezeigte Kraft investieren sollten, um unsere gemeinsame Ziele (keine Studiengebühren, bessere Lehre, mehr Mitspracherechte für die Studierenden, eine offenere Universitätsleitung) zu erreichen. Und hier entsteht die dargestellte Spaltung, so dass die oben geschilderte Frage ihre Relevanz erhält. Einige würden gerne im besetzten Rektorat bleiben; andere hingegen haben sich im auf dem Freiburger Frühling folgenden, vergangenen Jahr versucht, sich in den Hochschulgremien zu engagieren, um den Zielen dieses Frühlings näher zu kommen. Ich habe mich an der Entwicklung des Diskurses des Freiburger Frühlings beteiligt und bin danach den zweiten Weg gegangen. Deswegen habe ich mich in der VV im Rahmen der latenten Diskussion dieser Grundsatzfrage persönlich beteiligt gefühlt. Und deswegen würde ich hier noch einmal erläutern, warum ich den Weg, die ich mit anderen eingeschlagen habe, für angemessen erachte.

Dazu kommt mir ein sehr schönes Essay in den Sinn, das vor fast vierzig Jahren, mit dem Hintergrund der 1968er Studierendenproteste geschrieben worden ist: Hannah Arendts Macht und Gewalt (On Violence). In diesem Buch analysiert sie die Potentiale und Gefahren, die Erfolgschancen und Niederlagerisiken der damaligen Bewegungen und entwirft sie anhand dieser Analyse tiefgründige Ideen, die heute auch nützlich sein können. Deswegen lohnt es sich immer noch, dieses Essay zu lesen, wenn man sich als engagierter Student versteht. In diesem Essay sehe ich auch ein schwerwiegendes Argument, das die kritische Mitgestaltung im Rahmen des Jubiläums und im Rahmen der Arbeit in den Universitätsgremien legitimiert.

In ihrem Essay begrüßte Arendt einige Aspekte einer Bewegung, die die Missstände ihrer Zeit erkannt und gegenüber diesen Missständen nicht nur Empörung, sondern auch die Notwendigkeit, etwas dagegen zu tun, empfand: Diese Bewegung wollte sich also nicht den Sachzwängen und Funktionalitäten beugen, sondern wollte vielmehr mitbestimmen: Sie entdeckte die „Lust am Handeln“, das immer Neues, Alternativen, hervorbringt. Sie konnte zwar auch nachvollziehen, dass die erste Reaktion nach dieser Empörung über festgestellte Missstände eine Kraftdemonstration, ein Gewaltakt sei (wie die Rektoratsbesetzung eine Reaktion auf das mangelnde Gehör gegenüber den Forderungen der Studierenden war): „Es liegt im Wesen der Empörung, nicht langsam und mit Bedacht zu reagieren. (…) Um vernünftig reagieren zu können, muß man zunächst einmal ansprechbar sein, ‚bewegt’ werden können.“ Ja, in der Tat könne man mit einer solchen Mobilisierung was erreichen: „(Gewalt) kann durchaus dazu dienen, Mißstände zu dramatisieren und die öffentliche Aufmerksamkeit auf sie zu lenken.“ Aber sie sah auch die Gefahren, die darin liegen, in dieser Empörung zu bleiben und die Kraftdemonstration als einziges Mittel, seine Interessen durchzusetzen, zu betrachten: „Empörung und Gewaltsamkeit werden irrational nur, wenn sie zu Ersatzhandlungen führen (…)“. Stattdessen muss man weiterdenken, sich einmischen, um nicht bloß zu protestieren, sondern ein die Umstände veränderndes Handeln zu entwickeln. Nach der Kraftdemonstration muss man auch nach Macht streben: Das bedeutet, dass man es versuchen soll, andere von den eigenen Standpunkten zu überzeugen, um gemeinsam eine Alternative zu den vermeintlichen Zwängen zu entwickeln. Und dazu dient der nackte Protest, die Kraftdemonstration nicht mehr: „Gewalt (…) ist gänzlich außerstande, Macht zu erzeugen.“ Vielmehr geht es darum, aus dem bloßen, zunächst anreizvollen Protest in die Einmischung einzutreten, um Veränderungspotentiale entfalten zu können.

Einige derjenigen, die am Freiburger Frühling beteiligt waren, haben diesen Weg eingeschlagen. Wir haben uns dazu entschieden, in die Gremien zu gehen, und zwar auf keinem Fall deswegen, weil wir die Ideale dieses Frühlings aufgegeben haben, sondern weil wir dadurch ebendiese Ideale verwirklichen wollten. Durch konkrete Arbeit, durch kritische Mitgestaltung der tief greifenden Veränderungen, die derzeit unsere Universität erlebt, haben wir versucht, die Macht der Studierenden, also unsere Überzeugungskraft, zu steigern. Andere haben sich einfach in das Protest zurückgezogen, und dabei sich auch ihre Macht zur Veränderung beraubt. Ein Kernelement der Diskussion zwischen beiden Resolutionen war die Frage, ob wir Teil der Universität sind, die dieses Jubiläum feiert, oder ob wir uns außerhalb deren positionieren. Meinen Standpunkt ist der gleiche, den ich während des Freiburger Frühlings auf dem Rektoratsdach verkündet habe: WIR sind die Uni. Nehmen wir also dieses Slogan, das auch zum Slogan des Jubiläums geworden ist, als Herausforderung an und sagen wir als Mitglieder dieser Einrichtung laut, was wir uns nicht gefällt – gestalten wir also genau so konstruktiv wie kritisch mit!

Der Stein der Weisen? Die Botschaft des Uni-Jubiläums

Dieser Artikel ist im u-asta-info vom 24.5.07 erschienen (Nummer 767)

Es herrscht Freude: Die Uni feiert ihr 550. Bestehen, und sie schmückt sich dafür. Auch architektonisch macht sie sich hübsch; das wird jeder, die in letzter Zeit durch das KG I gegangen ist, nicht entgangen sein. Das Gebäude soll der Flaggschiff unserer glänzenden Einrichtung sein und deswegen wird seit einigen Monaten da gebaut, renoviert, bemalt, als ob dort die olympischen Spiele 2008 stattfinden müssten. Nun ist es gut, dass das Uni-Jubiläum in schönen Räumlichkeiten stattfinden wird. Nicht zuletzt deswegen, weil die Universitätsangehörigen in ihrem Alltag von dieser Ästhetik auch über das Jubiläum hinaus profitieren werden… Aber fragen muss man trotzdem: Musste die Renovierung die ästhetische Prinzipien folgen, die sie folgt?

Respekt vor der 550-jährigen Exzellenzkandidatin soll diese Ästhetik ausstrahlen. Und damit das Gebäude dieses Gefühl vermittelt, soll es zum Ursprungszustand zurückversetzt werden. Es soll an dem Aussehen erinnern, das es um die Wende vom 19. ins 20.Jahrhundert hatte, in der Zeit seiner Errichtung. Denjenigen, die durch die großartigen Gänge gehen, in die noblen Hörsäle eintreten, sich im riesigen Foyer aufhalten, sollen wissen: Sie befinden sich in alte, ehrwürdige Räume, die Autorität ausstrahlen. Selbstverständlich kann man den Traum, man würde das Jahr 1911 schreiben, nicht völlig erfüllen, und so musste ein Mahnmal in das Foyer hin, das an der dunklen Zeit des Nationalsozialismus’ erinnern soll. Einen schwarzen Fleck auf diesem herrlichen Kleid für die jubelnde Universität, ja, aber der einzige. Ansonsten steht alles unter dem Geist des großartigen, klaren und goldenen Bibelzitats, das uns daran erinnert: (…) „Die Wahrheit wird euch frei machen“! (Johannesevangelium 8,32)

Spätestens beim Bibelzitat (auch wenn er vielleicht nicht als Bibelzitat gemeint wurde, als er 1911 aufgestellt wurde, wie Prof. em. Gerhard Kaiser behauptet) denke ich, ob man es vielleicht nicht anders hätte machen sollen. Form ist Programm, und mit diesem Gebäude und dessen Renovierung wird auch ein Programm vermittelt. Und nicht der angemessenste für das Jubiläum einer Universität im 21. Jahrhundert, meiner Meinung nach.


Um meine Gründe zu erläutern, werde ich mit einem Vergleich anfangen. Ein wichtiger europäischer Stadtplaner, Manuel Solà-Morales, hat einmal eine Stadt mit einem Musikstück verglichen, und dieser Vergleich ist im gewissen Sinne auch für ein Gebäude zulässig: Wie in einem Musikstück, entwickelt sich ein Gebäude mit der Zeit, durchlebt er unterschiedliche Phasen auf ein bestimmtes Tempo. Ein Gebäude ist also dynamisch wie ein Musikstück, auch wenn er uns versteinert erscheint. Mit der jetzigen Renovierung wird nun das KG I versteinerter. Im Rahmen des bewegten, „kurzen 20. Jahrhunderts“ hat dieses Gebäude viele Phasen durchlebt, die ihre Spuren hinterlassen haben. Denken wir an „dem ewigen Deutschtum“ der nationalsozialistischen Aufstockung nach einem Brand der 1930er oder dem Denkmal für die Toten im 1.Weltkrieg vor der Aula. Diese sind tiefe, schnell sehbare Narben, es gibt aber andere: Die Beschädigungen, die man an der Fassade hinter Homer und Aristoteles beobachten kann und anscheinend aus der Explosion einer Bombe während des ersten Weltkrieges stammen (das Datum dieser Explosion ist am Eingang, hinter Aristoteles, festgehalten: 17.4.1917). Die leere Stelle gegenüber dem Weltkriegdenkmal vor der Aula, an der während des Dritten Reiches eine Erinnerung an einem jungen, von den Nationalsozialisten zum Helden stilisierten Studenten hing, der am Anfang der Weimarer Republik umgekommen war. Oder, an der Nordseite des Gebäudes, gegenüber vom KG II, der Stein, der vom Wiederaufbau nach dem 2.Weltkrieg zeugt. Nun werden diese Narben zwar nicht gelöscht, aber mit diesen Renovierungen wohl unsichtbarer.


Damit ist der Versuch, das Gebäude zur originalen Erscheinung zurückzuversetzen, ein Zeichen eines ästhetischen Konservatismus, der hierzulande leider schon bekannt ist. Man braucht nicht an die Debatten um die Architektur Berlins der 1990er zurückerinnern. Ob Dresdener Frauenkirche oder Wiederaufbau des Berliner Schlosses: Heute gibt es genügend Beispiele von peinlichen Versuchen, das sehr bewegte deutsche 20. Jahrhundert aus der Oberfläche unserer Städten und Gebäuden verschwinden zu lassen. Mit diesem ästhetischen Konservatismus begeht man erstens einen riesigen, formellen Rückschritt: Das deutsche 20. Jahrhundert mag bewegt und leidvoll gewesen sein, aber architektonisch auch sehr fruchtbar. Denken wir an Berlin, wohin heute noch Architekten und Stadtplaner aus aller Welt fahren, um die Experimente der 1920er Jahre zu beobachten. Oder denken wir zusammenfassend an zwei Gebäuden, die meiner Meinung nach – und bei all ihrer Verschiedenheit – die zwei Sternstunden dieser glänzenden architektonischen Geschichte Deutschlands und der Welt symbolisieren: das Pavillon der Weimarer Republik von Mies van der Rohe in Barcelona (1920er Jahre) und die Berliner Philarmonie von Hans Scharoun (1960er Jahre). Statt auf diese reichen Traditionen zu hören, vergisst man lieber alles und kehrt ins Jahr 1900 zurück.


Weswegen wird aber dieser Verlust hinzugenommen? Hinter der Form gibt es immer auch ein Programm, und oft ein recht politisches, bewusst oder unbewusst. Und so verbirgt sich hinter diesem ästhetischen auch einen politischen Konservatismus. Mit dieser damnatio memoriae des 20.Jahrhunderts sollen nämlich nicht nur dessen leidvollen Erfahrungen, sondern auch einige seiner Errungenschaften vergessen werden. Es ist bekannt, wie heutzutage einige gesellschaftliche und politische Kräfte die Ursache aller heutigen Probleme im Jahr 1968 finden wollen. In einer kulturkritischen Haltung, die uns an den konservativen Skeptiker der Moderne des „fin de siècle“ um 1900 erinnert, erklären sie, wie mit den damaligen Revolten die gute alte Welt (die der schönen wilhelminischen Gebäuden, die der Villen der Bildungsbürger in der Wiehre) aus der Ordnung geraten ist, wie die Autoritäten und ihre Würde sich nie zurückerholen konnten. Von diesem Rückschlag zum Chaos der heutigen, unregierbaren Welt (und deren postmoderne und konfuse Architektur) gibt es nur noch einen kurzen Weg. Und nun erlaubt uns das neue, renovierte KG I, nicht nur von einem schönen Gebäude im Jugendstil zu träumen, sondern auch noch von einer Ordinarienuniversität, in der Sitte und Ordnung herrschten, in der die bildungsbürgerlichen Eliten des Landes erzogen wurden, und die im krassen Gegensatz zur heutigen, chaotischen Gruppen- und Massenuniversität steht.


Deswegen glaube ich also, dass diese Kleidung nicht die geeigneteste für das Feiern des Jubiläums ist. Auch wenn man in letzter Zeit manchmal dazu tendiert, im Namen einer sicherlich wichtigen Corporate Identity die eigene Kritikfähigkeit zugunsten des gemeinsamen Jubels etwas zurückzusetzen, wage ich deswegen den Vorschlag einer Alternative: Die Kernaussage der Jubiläumsarchitektur sollte nicht so sehr die Melancholie nach verlorenen, guten alten Zeit sein. Man sollte keinen Anbetungsaltar der würdigen Autorität, sondern ein Gebäude aufbauen, der uns verkündet, dass wir uns im Zentrum des aufgeklärten Austausches, der Kritikfähigkeit und der Vernunft in der modernen Gesellschaft, nämlich in der Universität, befinden. Wir feiern letztlich nicht ein 550 Jahre altes Fossil, sondern eine Einrichtung, die nach kraftvoll vorne schauen soll. Wie könnte dann dieses Kleid aussehen? Vielleicht stimuliert folgender kleiner Vorschlag die Vorstellungskraft: Das Bibelzitat ist zwar sehr schön… Aber wäre es nicht reizend, mit einem Fragezeichen aus Neonlichtern den Vorbeischauenden dazu zu verhelfen, zusammen mit dem schönen Jugendstilgebäude auch die gute alte Bibel kurz zu hinterfragen? Wir sind zwar im kleinen, katholischen Südbaden, aber schließlich nicht im Jahr 1900, sondern im 21. Jahrhundert…

[Zum Bibelzitat hat der emeritierte Freiburger Professor Gerhard Kaiser ein Text geschrieben, der auch einen Einblick in die Baugeschichte des KG I (1906-1911) ermöglicht: Gerhard Kaiser: Die Wahrheit wird euch frei machen. Die Freiburger Universitätsdevise – Ein Glaubenswort als Provokation der Wissenschaft, abrufbar hier]

Aus dem Grenzgebiet - Ein Brief zur Nacharbeitung der WM und zur Erfindung der Nation

Dieser Artikel ist im u-asta-info vom 20.7.06 erschienen (Nr. 756) und ist auch im Internet abrufbar.

Liebe/r KommilitonIn,


ich möchte hier von einem in letzter Zeit oft behandelten Thema sprechen, nämlich der Welle von Patriotismus und Flaggen, die die WM in Deutschland ausgelöst hat. Nun ist die WM zu Ende, Deutschland ist Dritter geworden und alles scheint zurück in die Normalität zu kommen. Aber diese Welle ist meines Erachtens der Anlass gewesen, einen Wandel zu starten, der in Deutschland längst überfällig ist: Deswegen macht es Sinn, mit Dir eine Nacharbeitung zu unternehmen.

Nun sind wir beide eher linke, progressive Studierende. Du bist aber in Deutschland aufgewachsen und sozialisiert, hast Dich im Geschichtsunterricht oft mit der Terrorherrschaft des Nationalsozialismus auseinandergesetzt und in Gemeinschaftskunde gelernt, kühl und vorsichtig gegenüber jedweder deutscher Patriotismusbekündung zu bleiben. Du riechst im Patriotismus Rechtsextremismus. Ich dagegen komme aus einem Land, wo die Patriotismusbekundungen nicht selten sind – und manchmal sogar zu häufig stattfinden – und habe mich dort an eine andere Umgangsform mit diesen Bekundungen gewöhnt. Von diesem Hintergrund kommend, befinde ich mich in gewissem Sinne zwischen den Grenzen, im Grenzgebiet, und habe ein anderes Verhältnis zu den Freudezeichen im Rahmen der WM entwickelt.

Zu Recht kritisierst Du, dass diese Freudebekundungen etwas unkritisch sind. Die Menschen gehen auf die Strasse mit einer Fahne und vergessen dabei, dass es in diesem gefeierten Land Leute gibt, die unter Armut leiden, oder dass die Arbeitslosenzahlen riesig sind und sich hinter den Zahlen Menschen verbergen, die in dieser WM-Zeit keinen Grund zum Feiern haben, um nur einige der nicht erfreulichen Zustände beispielhaft und plakativ zu nennen. Zu Recht findest Du es merkwürdig, dass die VAG am vergangenen Samstag, als eine Kolonne von tausenden von Menschen zwischen dem Eschholzpark und dem Bertoldsbrunnen den Straßenbahnverkehr während einiger Stunden lahm legte, ihre Fahrgäste mit einem fröhlichen Ton darüber informierte und die BZ im gleichen Ton am Montag darüber berichtete. Hingegen werden Studierende von dieser Zeitung scharf kritisiert werden, wenn sie sich trauen, bei einer Demonstration gegen Studiengebühren fünf Minuten lang am Bertoldsbrunnen das Gleiche zu ernsthafteren Zwecken zu unternehmen… Ja, ich sehe auch einige unbehagliche Momente der Kritiklosigkeit in dieser neuen patriotischen Welle.

Aber ich muss gestehen, dass Deine Haltung einen Hauch von Überheblichkeit der – übrigens sehr deutschen – Figur des Bildungsbürgers hat, der auf die pöbelnden Massen herunterschaut und sie kritisiert, weil sie nicht dazu fähig sind, zur gleichen aufgeklärten und distanzierten, kritischen Haltung zu gelangen wie Du. Oder wenn wir es nicht so liberal, eher marxistisch ausdrücken möchten, erinnert mich Deine linke Perspektive an die totalisierende Sicht eines Orthodoxen, der gegen die entfremdeten, dummen und feiernden Massen spottet und dabei die Haltung eines Intellektuellen einnimmt, der sich eine aufklärende, proletarische Diktatur für das Volk, aber ohne das Volk wünscht.

Aber nicht nur diese überhebliche Haltung möchte ich nicht teilen. Auch wenn ich manche Aspekte dieses Feierns kritisch betrachte, kann ich mich des Weiteren mit Deinem radikalen Misstrauen gegenüber dem Inhalt dieser Freudebekundungen nicht identifizieren. Du gehst zu weit, wenn Du vor dem Anblick dieser Welle von Flaggen direkt zum Nationalsozialismus zurückgehst. Lass mich Dich daran erinnern, dass Schwarz-Rot-Gold diejenige Flagge ist, wogegen immer die reaktionären und die nationalsozialistischen Kräfte gekämpft haben – vergessen wir nicht den Flaggenstreit in der Weimarer Republik – und die die demokratischen Bewegungen in diesem Land repräsentiert. Aber die Flagge ist nur das Unbedeutendste. Auch in einem tieferen Sinne ist Dein Unbehagen meiner Meinung nach unberechtigt: Die Feiernden können sich ruhig mit dieser Flagge und diesem Land identifizieren, ohne dabei noch einmal das ewige deutsche „mea culpa“ zu wiederholen. Sie haben Gründe dafür. Über die Möglichkeit der Identifikation mit der bundesrepublikanischen Erfolgsgeschichte hat man schon vieles gesagt. Deswegen möchte ich mich hier auf ein sehr persönliches Beispiel beschränken, das vielleicht deshalb so bezeichnend ist, weil es sich dabei um eine aus dem Ausland kommende Würdigung handelt: Ich bin in einer sehr jungen, gerade sechs Jahre alten Demokratie geboren, drei Jahre nach dem letzten Staatsstreich gegen dieses junge System. Dass ich trotzdem in einem stabilen, schnell fortschreitenden Land aufwachsen konnte, war zum großen Teil der Tatsache zu ver danken, dass es Deutschland nach dem II. Weltkrieg es geschafft hat, nicht nur sich selbst, sondern das ganze Zentrum des Kontinents aufzubauen und mit dessen Nachbarn eine Gemeinschaft zu errichten, die die Herstellung von Wohlstand und Sicherheit gesichert hat. Es ist schwer abzuschätzen, wie sich Portugal, Spanien, Griechenland oder später Osteuropa ohne diese Gemeinschaft entwickelt hätten. Darauf kannst Du stolz sein.

Du wirst erwidern, dass diese Erfolge vielleicht unstrittig sind, dass man aber trotzdem auf die Rhetorik des Patriotismus verzichten kann, so wie es in Deutschland in den letzten Jahrzehnten anscheinend getan wurde. Aber gerade hier trennen sich unsere Geister entschiedenst: Meine Gegenmeinung lautet, dass nicht dieser neue Patriotismus, sondern das Fortführen seiner bisherigen Stillhaltung das Fortschritts- und Demokratiehemmende ist. Oder, positiv gesagt: Der neue Patriotismus kann eine demokratische Wirkung haben.

Der Verzicht auf Patriotismusbekundungen kann manchmal dienlich gewesen sein, aber ich erkenne in ihm eine Fortführung derjenigen Haltung, die den Staat von der Gesellschaft absetzen will und ihn als höhere, bessere und unpolitische Instanz ansieht – eine Haltung, die man nach dem 2. Weltkrieg eigentlich hinter sich lassen wollte, die aber im Volksmisstrauen eines Grundgesetzes, das nie im Referendum ratifiziert wurde, fortgeführt wird. Dieses Stillschweigen des Patriotismus teilt diese obrigkeitsstaatliche Angst vor einem Volk, das sich die Aufgabe stellt, die Inhalte und die Grenzen der Gemeinschaft demokratisch selbst zu bestimmen – eines Volkes, das sich also einer eminent politische Frage stellt. Nun sieht es endlich so aus, als ob man die Angst vor dieser zentralen, politischen Auseinandersetzung verloren hätte.

Entgegnen kannst Du mir, dass dieser Patriotismus ein Luftschloss ist, der nur dazu führen kann, bestimmte Menschen und Ideen auszuschließen und als illegitim zu schildern. Da muss ich Dir Recht geben: Wir haben in den letzten Jahrzehnten gelernt, dass die Identifikation mit einer landesweiten Gemeinschaft eine Erfindung ist und dass die Konstruktion einer solchen Gemeinschaft das Ausschließen bestimmter Ideen und Alternativen notwendigerweise mit sich bringt – auch, und vielleicht gerade, wenn diese Gemeinschaft demokratisch sein möchte. Aber der Gedanke, es gebe eine Alternative dazu, man könne auf eine solche Erfindung und Ausgrenzung verzichten, ist für mich zweifelhaft. Verzichtet man auf die Diskussion um die Inhalte und Grenzen unserer Gemeinschaft, lässt man diese Grenzen nicht verschwinden, sondern naturalisiert man sie und macht man dadurch deren demokratische Aushandlung unmöglich. Und gerade dieser naturalisierende, undemokratische Effekt ist der Kollateralschaden des Stillschweigens des Patriotismus, der in Deutschland in den letzten 60 Jahren – nicht zuletzt durch die politische Bildung – teilweise gefördert wurde: Man wollte mit gutem Grund die Wurzeln des Nationalsozialismus ausrotten und hat dabei vergessen, dass diese Wurzeln und die einer demokratischen, politischen Auseinandersetzung in der Moderne nah beieinander liegen.

Gestatte mir also, Dir eine Herausforderung zu schildern: Versuchen wir es mal, diese Erfindung anzunehmen. Geben wir den Versuch auf, diese Erfindung, diesen Patriotismus als gesellschaftliche Denkkategorie auszulöschen und eine internationalistische Utopie zu bilden. Und erkennen wir dabei das Potential dieser Denkkategorie – gerade als links gesinnte Menschen können wir es tun: Als Erfindung ist der Patriotismus gestaltbar, wandelbar, und das eröffnet die Tür für eine emanzipatorische Arbeit: Beteiligen wir uns also an seiner Gestaltung und bringen wir unsere Werte ein, um das Aussehen unserer Gemeinschaft zu prägen!

Vielleicht wird Dir mein Argument deutlicher, wenn ich Dich etwas aus dem Land erzähle, aus dem ich ursprünglich komme: Dort hat ein patriotisches Selbstverständnis es ermöglicht, einen sehr fortschrittlichen, vor einigen Wochen in einem Referendum akzeptierten Verfassungstext zu erarbeiten, der nicht nur die klassisch-liberalen Rechte des 19. und die sozialdemokratischen Rechte des 20. Jahrhunderts, sondern auch postmaterialistisch geprägte Ideen für das 21. Jahrhundert integriert wie die Gleichberechtigung, den Respekt vor vielfältigen Lebensweisen und Familienstrukturen (z.B. die gleichgeschlechtlichen Ehen), den Umweltschutz, das Recht auf ein anständiges Sterben, die Integration aller Mitglieder einer multikulturellen Gesellschaft usw. Warum sollte das in Deutschland auch nicht möglich sein? Nehmen wir also die Herausforderung an, ein Land zu gestalten, auf das wir stolz sein können – hier wird Dich dieses „Wir“ vielleicht überraschen, aber ich habe lange genug hier gewohnt, um eine „multiple identity“ zu entwickeln, die eine gewisse Identifikation mit diesem Land beinhaltet.

Wie könnte dieses Land aussehen, fragst Du mich? Dabei hast Du die Frage formuliert, um die sich eine demokratische Diskussion drehen sollte. Ich kann Dir hier also nur eine Skizze des sehr allgemeinen Bildes anbieten, mit dem wir als links gesinnte Menschen in diese Diskussion mit unseren Mitbürgern eintreten könnten: Patriotismus kann bedeuten, dass wir uns verantwortlich gegenüber unserer Gemeinschaft fühlen und uns deswegen verpflichten, im demokratischen Prozess mitzuwirken. Diese Idee kann mit dem Gedanken der Solidarität mit unseren Mitbürgern verbunden werden und uns gegenseitig dazu verpflichten, niemanden in der Armut oder in der Not leben zu lassen und niemanden aufgrund seines Geschlechts, seiner Religion, seiner sexuellen Vorlieben oder seiner Meinungen zu benachteiligen. Vergessen wir nicht: Diese Ideale sind mit dem Patriotismus, mit der Idee der Gemeinschaft der Citoyens, zur Welt gekommen.

Und die Erfindung eines kollektiven Gedächtnisses kann so gestaltet werden, dass wir Momente wie 1848, 1918 oder 1967, dass wir Denker wie Karl Marx oder Theodor W. Adorno, Dichter wie Bertolt Brecht und Alfred Döblin und Politiker wie Friedrich Ebert, Willy Brandt oder Petra Kelly hervorheben, um mit nur einigen, schnell und ordnungslos gesammelten Chiffren und Namen ein impressionistisches Bild vom Aussehen zu malen, das dieses Land annehmen könnte. Vielleicht kannst Du dieses Bild besser nachvollziehen, wenn ich was aus der Stadt erzähle, wo ich geboren bin: Dort hat Mies van der Rohe 1929 im Rahmen einer Weltausstellung den Pavillon der Weimarer Republik gebaut und für diesen Pavillon den Stuhl „Barcelona“ entworfen; zwei Werke, die lange Zeit, bis zum Aufkommen der Postmoderne, Standards in der Architektur gesetzt haben. Sie erscheinen mir heute jedes Mal, wenn ich sie betrachte, immer noch überraschend. Auf diese deutsche Geschichte(n) kann man doch stolz sein!

Die oben geschilderten notwendigen Ausgrenzungsmomente der Gemeinschaftsbildung werden Dich aber trotzdem noch nicht in Ruhe gelassen haben. Sie werden heute oft gegen rechtsextremistische Kräfte gewandt. Ausgrenzung kann also als Wehrhaftigkeit gegen denjenigen gestaltet werden, die das friedliche und demokratische Zusammenleben sprengen möchten. Die radikalen Relativisten mögen mich hier kritisieren, aber ich finde es angemessen.

Der Patriotismus kann uns auch dazu führen, stolz auf ein Land zu sein, das Menschen aus anderen Orten der Erde anzieht und versucht, diese Menschen zu integrieren. Eines der schönsten Bilder, die ich in den letzten Tagen gesehen habe, war das von Deutschen türkischer Abstammung, die mit deutschen Flaggen gemeinsam mit den anderen Mitbürgern gefeiert haben. Und der Patriotismus kann uns letztlich dazu helfen, die Verantwortlichkeit unseres Landes in einer globalisierten Welt zu erkennen, wo noch Kriege und Armut herrschen.

Dass Patriotismus all das bedeutet, ist in vielen anderen Ländern völlig normal. Aber dass der Patriotismus das und nicht Gewalt und Terror bedeutet, ist nicht gesichert. In der Herausforderung, seine positiven Seiten zu fördern, liegt gerade sein radikaldemokratisches, nie komplett einzulösendes Element und auch unsere Verantwortlichkeit. Außerdem kann er auch einen konservativen Touch nach der demokratischen Diskussion annehmen, wenn wir die Herstellung eines hegemonialen Selbstbildes des Landes in diesem zentralen Moment, wo dieses Gefühl in Deutschland wieder erwacht, anderen Subgruppen unserer Gesellschaft überlassen. Die WM hat die Chancen eröffnet: Seien wir also kreativ und mischen wir uns in der Erfindung unserer Gemeinschaft ein!

[Bertran studiert seit langem in Freiburg und hat vor kurzem im Aufsatz „Federalisme i Estat plurinacional. Conceptes i mecanismes institucionals per a la organització territorial d’una societat plural des de la radicalitat democràtica“ (hg. v. von der Stiftung Nous Horitzons, Barcelona 2006) versucht, auch seine katalanischen MitbürgerInnen für eine radikaldemokratische Diskussion über die Inhalte und Grenzen einer Gemeinschaft zu begeistern.]

Interview im Freiburger Uni-Magazin zur Studiengebührenverwedung

In diesem Jahr habe ich mich als Vertreter des AStAs im 12er-Rat und Sprecher dieses Gremiums engagiert. Der 12er-Rat ist die Studierendenvertretung, die vom Rektorat vor der Verteilung der Studiengebührenmittel anhören soll (näheres könnt ihr auf der Linkliste erfahren).
Im Rahmen meiner Arbeit in diesem Gremium habe ich in einem Interview mit dem Freiburger Uni-Magazin (heruasgegeben von der Pressestelle der Universität) unsere Standpunkte zur Verwendungen von Studiengebühren erläutert. Der Interview ist auf der Seite 15 des letzten Uni-Magazins zu finden.

Konferenzbericht Hochschule@zukunft (Leipzig, Oktober 2006)

Als Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung habe ich die von dieser Stiftung organisierten Konferenz am 30.10.06 in Leipzig besucht. Dazu habe ich diesen Bericht verfasst.

Am Montag, dem 30.Oktober 2006 fand in Leipzig die von der Heinrich-Böll-Stiftung organisierte Konferenz hochschule@zukunft. Die Hochschulkonferenz statt. Auf diesem Treffen von HochschulexpertInnen, -forscherInnn und –politikerInnen wurden die ersten Ergebnisse einer Delphistudie vorgestellt, die von Prof. Dr. Gerhard de Haan und Jan Gregersen (FU Berlin, Institut Futur) erstellt wurde und die Erwartungen so wie die Wünsche von an der Hochschulpolitik Beteiligten statistisch untersuchte. Aufgrund der vorhandenen Zeitkapazitäten musste sich die Konferenz auf die ersten fünf Themenbereiche, die diese Studie umfasst, konzentrieren. Diese waren: Faktoren der Wissenschaftsentwicklung, Governance, Europäische Hochschullandschaft, Lebenswelt Hochschule und Neue Zugänge zu den oberen Bildungseinrichtungen. Nach der Präsentation der Ergebnisse der Studie und einem Vortrag von Prof. Dr. Michael Daxner beschäftigten sich die Teilnehmenden in kleineren Workshops mit diesen Themenbereichen, um sich abschließend im Plenum zusammenzufinden und an einem Abschlusspanel über „Zukunfstkonzepte für die europäische Hochschule 2030“ teilzunehmen.

Schon bei der Begrüßung von Ralf Fücks, die zwischen Pragmatismus und Idealismus abzuwägen versuchte und dadurch manchmal kritische Akzente unterbelichtete, und vor allem bei der Begrüßung des Rektors der Leipziger Universität, Prof. Dr. Franz Häuser, konnten wir in das Thema einsteigen: In einem ansonsten für Rektoren erwartbaren Diskurs hat er die Schwierigkeiten der ostdeutschen Universitäten betont, sich unter gleichen Ausgangsbedingungen wie die westdeutschen Universitäten an dem von der Exzellenzinitiative ausgelösten Wettbewerb zu beteiligen. Somit sind wir also schon in einer bereichernden, zukunftsgerichteten (und zwar nicht zum Bolognajahr 2010 oder zum Jahr des doppelten Jahrganges 2012, sondern langfristig zum Jahr 2030 gerichteten) Diskussion eingestiegen, in der manchmal lediglich oft gehörte Ansichten wiederholt wurden, aber manchmal interessante und neue Perspektiven eingeführt wurden – so vor allem im tiefen und reizenden Vortrag Michael Daxners.

Auch im Workshop, an dem ich teilgenommen habe, („Wege in die europäische Hochschullandschaft“) wurden interessante Ansichten vertreten. Die GesprächspartnerInnen Prof.Dr. Gesine Schwan (Viadrina-Universität, Frankfurt/O.), Prof. Dr. Barbara Kehm (Internationales Zentrum für Hochschulforschung, Kassel) und Prof. Dr. Johannes Wildt (Dortmund) haben ihre Erfahrungen im Bereich der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen, in der Lebenswelt einer Hochschule an der deutsch-polnischen Grenze, wie die Europa-Universität Viadrina, und in einem Campus, der durch den Zuzug ausländischer Studierenden eine „Internationalisierung ‚at home’“ erlebt hatte, geschildert. Dabei wurde deutlich, dass nicht alle Arten von Mobilität gleich sind und dass es zu pauschal ist, Internationalisierung im Allgemeinen gutzuheißen, da es viele Formen einer Internationalisierung gibt: Es ist nicht das Gleiche, für ein Semester ins Ausland zu fahren, als einen gesamten Masterstudiengang außerhalb des eigenen Landes zu absolvieren – diese unterschiedliche Mobilitätsformen haben nicht die gleichen Konsequenzen für den sich internationalisierenden Campus.

Trotz der Reichhaltigkeit der Diskussionen, ließen sich allerdings auch im Laufe dieser Konferenz die strukturellen Mängel der hochschulpolitischen Landschaft in Deutschland erkennen: So war eines der wichtigsten, vorgetragenen Ergebnisse der Delphistudie das starke Auseinanderklaffen von Erwartungen und Wünschen an einige Bereiche der zukünftigen Entwicklungen der Hochschule – z.B. der große Unterschied zwischen dem starken Wunsch nach Zentralisierung der deutschen Hochschulpolitik auf der einen Seite und der ebenso starken Erwartung der Beibehaltung hochschulpolitischer Kompetenzen auf Länderebene auf der anderen. Dies hätte zu einer wichtigen Diskussion über die strukturellen Mängel führen können, die dieses Auseinanderklaffen verursachen und die Ohnmacht einiger an der Hochschulpolitik beteiligten Akteure zeigen; dies ist aber in eher geringerem Maße passiert. So hat man die jeweiligen Themenbereiche, mit der sich de Studie beschäftigt hatte, besprochen – eine engagiertere Besprechung dieses weiteren Ergebnisses der Studie, nämlich die Ohnmacht einiger Akteure, ihre Wünsche in den Entscheidungsfindungsprozess einzubringen und zur Realität werden zu lassen, wenn sie mehrheitsfähig sind, wäre aber sicherlich auch gewinnbringend gewesen und hätte zur besseren Einschätzung der eigenen Handlungsräume führen können. Das Ausbleiben dieser Auseinandersetzung, nicht nur in dieser Konferenz, sondern auch in der allgemeinen hochschulpolitischen Diskussion, führt dazu, dass die am nächsten zur Hochschule stehenden Akteuren – Hochschulleitungen, ProfessorInnen, usw. – eher eine passive Rolle einnehmen, aus der sie die Entscheidungen der Politik mehr oder weniger kritisch diskutieren und implementieren, nicht aber mitgestalten: Man hinkt ständig hinter den PolitikerInnen hinterher. Diese ohnmächtige Position, die sich vor vollendeten Tatsachen stellt, beschränkt auch die Möglichkeit der kritischen Mitgestaltung. So zeigten zum Beispiel viele ihre Unzufriedenheit mit einer Exzellenzinitiative, die zu einem ruinösen Wettbewerb zwischen den deutschen Hochschulen führen kann; alle sind aber gleichzeitig an diesem Prozess beteiligt, weil dessen Kraft des Faktischen nicht übersehbar ist. Dieser Mangel an kritischen und gestaltenden Positionen – der gelegentlich durch einige sehr kritische ReferentInnen aufgebrochen wurde, wie z.B. Prof. Dr. Gesine Schwan, die auf einer sehr reflektierten Weise ihre schwerwiegende Kritik an der Exzellenzinitiative äußerte – ließ also den Satz Heinrich Bölls vermissen, der zum Logo der Stiftung gemacht worden ist: „Einmischung ist die einzige Möglichkeit, realistisch zu bleiben“. Eigentlich zeigte die Delphistudie, dass es zu wenig Einmischung der Hochschulen in der Formulierung der Rahmenbedingungen der Hochschulpolitik gibt.

Auch die Einbeziehung einer Akteursgruppe im Rahmen der Studie und der Konferenz fehlte, nämlich diejenige des Hauptzieles der Hochschulpolitik: Der Studierenden. Lediglich 1% der im Rahmen der Studie Befragten kam aus dem Kreis der Studierenden. Die Studie reflektiert dadurch vielleicht das geringe aber tatsächliche Gewicht der Studierenden in den Entscheidungsfindungsprozessen der Hochschulpolitik und ist dadurch angemessen. Diese geringe Präsenz in der Konferenz weiterzuführen, in der fast alle ReferentInnen ProfessorInnen waren, neben einigen WirtschaftsvertreterInnen und PolitikerInnen, ist aber nicht ein Zeichen der realistischen Abbildung der Wirklichkeit, sondern deren affirmativen Weiterführung.

Diese Punkte weisen auf andere mögliche Ebenen hin, die wichtig sind und in der Konferenz nicht angesprochen wurden. Der Hinweis auf diesen Ebenen mindert aber nicht den hohen Wert der in der Konferenz geführten Diskussionen, der schon geschildert worden ist. Auch sehr bereichernd war die Gelegenheit, die die Konferenz angeboten hat, um während den Pausen Gespräche zu führen und andere Perspektiven näher kennen zu lernen – so konnte ich mich z.B. über den im nächsten Jahr stattfindenden Zukunfskongress im Rahmen des 550. Jubiläums der Universität Freiburg austauschen. Alles in allem eine bereichernde Erfahrung also, die aber wichtige Ebenen unberücksichtigt ließ. Ein Mitglied des Publikums zitierte im Rahmen einer Diskussion ein Buch der 1970er Jahre zur Hochschulpolitik, das sich mit Problemen auseinandersetzte, die unseren eigenen sehr ähnelten: Viel wurde also in der Zwischenzeit in diesen Bereichen nicht gelöst. Ob im Jahr 2030 eine solche Konferenz wieder dieselben Probleme aufgreifen werden muss, blieb offen.